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Was ist ein "naturnahes" Aquarium?

 
Vorgeschichte

Sehr oft wird der Begriff naturnah mit dem Aquarium in Verbindung gebracht. Da mich dieser Ausdruck immer verwirrte, habe ich mich damit einmal näher befasst.

Den Begriff "naturnah" interpretiere ich so, dass etwas "Nah" an der Natur sein muss. Wie nah dies jedoch ist, dies wird damit nicht zum Ausdruck gebracht und lässt dann natürlich viel Freiraum für Interpretationen. Wohl meistens etwas, was derjenige der diesen Begriff nutzt eben vermeiden will.

Zuerst einmal die Definition laut Duden:

der Natur entsprechend, ihre Bedingungen berücksichtigend


Was kann man darunter verstehen?


Ich habe einmal die Frage, wie jemand für sich den Begriff "naturnah" beschreibt, in einem Forum zur Diskussion gestellt. Kurz, das Ergebnis war eigentlich so wie ich es auch erwartet habe.
Es gab einige unterschiedliche Ansichten dazu, wann ein AQ naturnah ist und auch, ob dies überhaupt möglich ist.

Nur dem Sinn nach will ich zur Verdeutlichung mal ein paar Aussagen hier aufführen, so, wie ich diese verstanden habe:
  • Ein AQ ist dann naturnah, wenn man einen Ausschnitt aus dem Habitat1 in seinem AQ nachbildet.

  • Ein AQ kann nur dann naturnah sein, wenn es sich dabei um ein Regionalbecken2 handelt.

  • Ein AQ ist dann naturnah, wenn die Tiere in ihrer Vergesellschaftung zueinander passen.

  • Ein AQ ist dann naturnah, wenn die Wasserwerte im groben an die aus dem Fanggebiet angeglichen sind.

  • Ein AQ ist dann naturnah, wenn die Pflege im AQ möglichst nahe an ihrer heimatlichen Natur liegt.

  • Ein AQ ist dann naturnah, wenn man soweit wie möglich auf technische und chemische Hilfsmittel verzichtet, Beleuchtung und Strömungspumpe reicht.

  • Ein AQ ist dann naturnah, wenn die physikalischen und chemischen Faktoren (Licht, Temperatur mit den Schwankungen, pH-Wert, Salzkonzentration und deren Zusammensetzung, alle Nährstoffe, sowie gelöste Gase mit denen aus dem Fanggebiet übereinstimmen.

  • Ein AQ ist dann naturnah, wenn die Verfahrenswege aus der Natur nachvollzogen werden.
So sind einige Vorstellungen sinnlich sich ähnlich, bei den anderen liegen wiederum Welten dazwischen was man unter naturnah verstehen kann.


Naturnah - und nun?

Wie die wenigen Darstellungen oben zeigen, ist es wohl unmöglich zu wissen, wenn jemand von naturnahem AQ spricht, was er wirklich meint. Man kennt einfach seine Ansicht, seine Definition bzw. Interpretation des Begriffes nicht. Unter diesen Voraussetzungen muss man sich nicht wundern, wenn es zwangsläufig zu Differenzen in der Betrachtungsweise kommt.

Damit nun alle unter naturnahes AQ auch das gleiche verstehen, müsste dieser Begriff erst einmal definiert werden. So definiert werden, dass es in der Deutung und dem Verständnis keinen Spielraum zur Interpretation oder Spekulation gibt.

Sinn oder Unsinn

Ob eine solche Definition überhaupt erforderlich ist oder man besser den Begriff einfach aus seinem aquaristischen Sprachgebrauch streicht sei mal dahingestellt.

Für mich stellt sich die Frage, für welche AQ brauchen wir den Begriff überhaupt?

Dies müsste ja bedeuten, wir haben 3 Gruppen von Aquarien.

1. AQ mit Fehlern und Problemen >>> ungewollte Aquaristik
2. Die Aquaristik wie sie sein soll >>> erfolgreiche Aquaristik3
3. Naturnahe Aquaristik >>> keine Ahnung was das im Unterschied zu 2. sein soll. ;-)

Meine Einstellung kurz und knapp

"Die" naturnahe Aquaristik kann es mangels Definition nicht geben.
Naturnahe Aquaristik ist nur eine vermeintlich werbewirksame Bezeichnung.
Im Ergebnis meinen die erfahrenen Aquarianner vermutlich alle das gleiche, nutzen aber, um sich kurz zu fassen einen sehr dehnbaren Begriff der nicht gerade zum Verständnis beiträgt.

Meine Ansicht etwas ausführlicher

Ich hatte ja beschrieben, dass es in der Auslegung der naturnahen Aquaristik schon große Unterschiede gibt. Ich greife mal wieder das Wort "nah" auf.

Beispiel:
Nehmen wir mal zwei Orte die ca. 60 km von einander entfernt liegen. Dann fragen wir Leute aus den Orten, ob es zu dem anderen Ort nah ist. Wir werden unterschiedliche Antworten bekommen.
Warum?
Einfach, weil wir nicht gesagt haben, was wir unter nah verstehen. Hätten wir zuerst gesagt, alles unter 100 km ist für uns nah, dann würde das Ergebnis auch anders ausfallen. Sollte dann trotzdem jemand behaupten, es wäre nicht nah, können wir das ja einfach belegen. Die Entfernung ist 60 km. Alles was unter 100 km ist verstehen wir unter nah. Das sind dann klare Fakten die keinen Spielraum der Spekulation zulassen.

Jetzt übertragen wir das mal auf naturnahes Aquarium. An was wollen wir naturnah hier nun festmachen? Wir wissen zwischenzeitlich ja, dass es dazu unterschiedliche Meinungen gibt. Also ist der Ausdruck "naturnah" hier vollkommen fehl am Platz weil er absolut nichts aussagt. Er sagt nicht aus wie nah wir an der Natur sein müssen/sollten/können, damit der Begriff gerechtfertigt ist.

Wer sich mal wirklich mit den Fanggebieten befasst, der wird auch bald feststellen, dass es vielleicht gar nicht erwünscht ist, bestimmte Bedingungen nachzustellen. Es gibt Trockenzeiten, in denen die Fische in einer Pfütze vielleicht überleben. Es gibt den Feinddruck. Es geht um fressen und gefressen werden. Das ist auch naturnah. Ist es deshalb nachahmenswert?

Für mich heißt es deshalb:


Naturnah wird aus mein aquaristischen Sprachgebrauch gestrichen.
Helft mit Klarheit zu schaffen und schließt euch an


Und nun? Was machen wir ohne den Begriff?

Ich schätze, wir wollen alle, dass sich die AQ-Bewohner wohlfühlen.

Wann fühlen z.B. wir uns wohl? Doch dann, wenn die markanten und wichtigen Voraussetzungen erfüllt sind die wir auf Grund unserer "Gewöhnung" kennen/erwarten. Dabei gestehen wir auch Toleranzbereiche zu. Bereiche, die nicht 100% unsere Bedürfnisse erfüllen und vielleicht auch nicht erfüllen können, und andere Bereiche, die maßgeblich für unser Wohlbefinden und somit ausschlaggebend sind.

Übertragen wir dies einmal auf unsere AQ-Bewohner. Alleine aus ihrer natürlichen Umgebung heraus, kennen diese auch Toleranzbereiche. Es gibt vermutlich kaum einen Fluss, Gewässer usw. was über das Jahr hinweg oder über einen ganzen Flussverlauf immer die gleichen Gegebenheiten bietet. Sowohl die Wasserwerte (Wasseranalyse) als auch die "Dekoration" kann schwanken.

Für die meisten AQ-Bewohner gibt es auch auf vielen Seiten eine Angabe zu den Haltungsbedingungen. Einige sind da zu empfehlen, von anderen ist eher abzuraten. Die Haltungsbedingungen sollten sich schon an den natürlichen Lebensräumen orientieren.

Aus meiner Sicht spielt es dabei keine Rolle, ob in einem Fanggebiet z.B. auch Wurzeln vorkommen oder welche Pflanzenarten es da gibt. Eine Wurzel wird die Fische, auch wenn sie das nicht kennen, kaum stören und ob nun die Pflanzen aus dem gleichen Gebiet kommen oder auch nicht, das sehe ich da auch nicht als so bedeutend an. Ich strebe hier aber auch keinen Perfektionismus an.

Sehr wohl eine Rolle dabei spielt jedoch, z.B. der Bodengrund. Gleich ob Sand oder Kies. Sehr wohl eine Rolle spielen die Versteckmöglichkeiten. Fische die gerne durch dichtes Pflanzendickicht schwimmen, denn sollte man das auch bieten. Fische die gerne im Sand wühlen, die sollten ihren Sand auch haben.

Ich hoffe, es ist in etwa klar geworden was ich damit meine.

Es gibt meiner Meinung nach nur ein Ziel: Die AQ-Bewohner sollen sich wohlfühlen.

Wer unbedingt dafür einen Begriff braucht ...

Dann nehmen wir doch einfach das erfolgreiche Aquarium. Betreibe die erfolgreiche Aquaristik4 und deinen AQ-Bewohnern geht es gut.

Fazit

Ich bin mir über die Signifikanz des Themas bewusst. Ich erhebe auch hiermit nicht den Anspruch eine optimale Lösung gefunden zu haben. Mir würde es schon reichen, wenn hierdurch manche wenigstens mal darüber nachdenken. Vielleicht ergibt sich ja auch ein Feedback mit dem man diesen Beitrag überarbeiten und dadurch optimieren/präzisieren kann.

Erklärungen

1 Habitat bedeutet: Standort, an dem eine Tier- od. Pflanzenart regelmäßig vorkommt.

2 Regionalbecken bedeutet: Ein AQ was in seinem gesamten System (Fische, Pflanzen, Dekoration usw.) dem aus einer Region der Herkunft entspricht.

3 erfolgreiche Aquaristik: Die erfolgreiche Aquaristik orientiert sich an den Bedürfnissen, Gewohnheiten der AQ-Bewohner und setzt die Wohlfühlhaltung für die Lebewesen im AQ um. Die AQ-Bewohner stehen im Vordergrund in dem AQ-System.

4 erfolgreiche Aquristik (manche sagen vielleicht auch naturnah dazu ;-)):
Ein Aquarium sollte so betrieben werden, dass sich die Bewohner wohl fühlen. Selbstverständlich sind hier auch Toleranzgrenzen möglich aber auch zu beachten. Die Toleranzgrenzen kann ich nicht greifen, da die mit den AQ-Bewohnern auch wechseln. Somit sind diese Grenzen individuelle und nicht zu verallgemeinern.

Wasserzusätze, ausser Dünger, hat ohne das ein zwingender Grund vorliegt nichts im AQ zu suchen.

Die selbstverständlichen Grundsätze bezüglich der Einrichtung und Pflege sind zu beachten (z.B. moderater Fischbesatz, Berücksichtigung der spezifischen Eigenarten der Fische, Bodengrund, Pflanzen, Höhlen, Wurzeln usw.)
Versteckmöglichkeiten und Schwimmraum verhindern, dass Fische von anderen Arten unterdrückt werden.

Die Fütterung ist abwechselungsreich.

Die Wasserbeschaffenheit muss den Fischen hinsichtlich PH, GH, KH, Temperatur und anderer Werte einschließlich der organischen Belastung entsprechen.

Diskussionen

Hier findet ihr das Forum um über das Thema zu diskutieren.

Weitere Details zu meinem Aquarium wie die Entwicklung der Wasserwerte und Bilder findet ihr über das Site-Menü.

Fragen könnt ihr gerne in meinem Altwasser-Forum stellen. Natürlich freue ich mich auch über einen Eintrag in mein Gästebuch.

© 2003 Axel Neufang