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Kann
man auf den regelmäßigen Wasserwechsel in einem
Aquarium verzichten? |
Im Internet wurde in den letzten
Monaten recht intensiv über Altwasser diskutiert, d. h. über
den bewussten Verzicht auf den regelmäßigen periodischen
Teilwasserwechsel! Es wurden von den Gegnern besonders die Risiken
beschworen, die beim Betreiben eines Altwasserbeckens bestehen!
Altwasser wird zwar nach wie vor überwiegend abgelehnt, aber
der Ton der Gegner gegenüber den wenigen Neutralen und sehr
wenigen Befürwortern ist wenigstens moderater geworden. Einige
Leute haben Versuche mit einem Altwasserbecken gestartet, um sich
selbst ein Bild zu machen. Diese Diskussionen haben mich bewogen,
meine langjährigen Erfahrungen und Kenntnisse mal zu ordnen
und niederzuschreiben. Bei dieser Arbeit bin ich zu einem überraschenden
Ergebnis gekommen!
In älterer Aquarienliteratur misst man dem
Aquarienwasser besondere Kräfte zu und gießt in ein
neues Aquarium Wasser aus einem alten, in der Hoffnung, damit
positive Dinge zu übertragen (vielleicht als Beimpfung gedacht?).
Heute wechselt man wöchentlich einen Teil des Wassers, und
glaubt, damit einen wesentlichen Teil der akkumulierten "Schadstoffe"
aus dem Becken herauszubekommen. Das Aquarienwasser hatte früher
einen positiven Touch, heute einen negativen!
Beispielsweise gilt heute Nitrat als Schadstoff für Fische,
obwohl durch keine wissenschaftliche Publikation gestützt.
Sicher ist es unter bestimmten Randbedingungen ein Indikator für
die Überdüngung des Wassers, aber trotzdem kein Schadstoff!
Diese Überzeugungen belasten die Sachdiskussion erheblich
und machen sie manchmal unmöglich! Ich musste mir z. B. sagen
lassen, daß meine Fische in einer Kloake schwimmen (wegen
80 mg NO3/l) und habe meinerseits mit "Nitrathysterie"
gekontert.
Ich beschäftige mich schon lange mit Aquarien,
habe aber erst in den letzten Jahrzehnten versucht, etwas tiefer
in die Geheimnisse der aquaristischen Stoffbilanzen einzudringen.
U. a. machte ich eine Reihe von Dauerversuchen ohne Wasserwechsel,
zunächst mit dem Ziel, herauszubekommen, welche Katastrophe
infolge des unterbliebenen Wasserwechsels passiert. Einige Parameter
wurden dabei wöchentlich kontrolliert für über
ein Jahr!
Hier ist das Ergebnis des ersten Versuchs:
Der Leitwert stieg erst von 300 auf 800 µS/cm, wurde dann
konstant, der pH fiel, stieg wieder auf 7 und blieb dann konstant,
die GH stieg an von 10 und blieb dann konstant bei etwa 20°dGH.
Die KH fiel langsam von 6 auf 2 und blieb dann bei 2°dKH.
Der Mulm nahm zu, die Pflanzen mussten reduziert werden, um Schwimmraum
für die Fische zu schaffen! Die Katastrophe blieb aus! Kein
Fisch starb, keine Pflanze ging ein! Die Ergebnisse der Messungen
und Beobachtungen verstand ich zunächst nicht!
Ich setzte die Arbeiten fort und machte Fortschritte
beim Verstehen, sodaß ich allmählich die rätselhaften
Ergebnisse erklären konnte. Eine besondere Bedeutung kam
dabei dem Nachweis zu, daß Filterschlamm auch ein schwach
saurer Kationenaustauscher ist!
Ca++ + 2 Austauscher-H -> 2 H+ + (Austauscher)2-Ca
In den letzten Jahren betrieb ich stets einen
Teil meiner Aquarien ohne regelmäßigen Wasserwechsel,
aber mit analytischer Überwachung, und machte dabei auch
Erfahrungen mit der Kultur von Aquarienpflanzen und der Zucht
zahlreicher Fischarten. Folgende Pflanzen akzeptierten mein Altwasser
nicht: Nesaea crassicaulis, Ammania gracilis, A. senegalensis,
Eusteralis stellata Normalform. Über 40 andere Arten waren
mit meinem Altwasser einverstanden! Bei den über 50 Fischarten,
die ich vermehrt habe, traten zwar Probleme auf, die aber nur
in einem Falle eindeutig mit Altwasser zu tun hatten, nämlich
bei Brochis splendens, der nur nach massivem Wasserwechsel laichte!
Ich kann nicht ausschließen, daß einige Fischarten
aus dem Weichwasserbereich ebenfalls auf häufige Wasserwechsel
angewiesen sind!
Sammeln sich Schadstoffe an? |
Fische scheiden nach dem Füttern einiges
aus, z. B. Kohlendioxid (CO2) und Ammoniak (NH3).
NH3 + CO2 + H2O -> NH4+ + HCO3-
Letzteres reagiert mit Wasser und CO2 zu Ammonium
(NH4+) und Hydrogenkarbonat (HCO3-). Das Kohlendioxid wird zum
Teil von den Pflanzen assimiliert, zum Teil geht es verloren!
Das Ammonium (NH4+) wird teilweise von den Pflanzen aufgenommen,
teilweise von nitrifizierenden Bakterien zu Nitrat oxidiert (Nitrifikation):
NH4+ + 2 O2 -> HNO3 + H+ + H2O
Wenn reichlich gefüttert wird und die Pflanzen
die Stickstoffverbindungen nicht restlos verbrauchen, sammelt
sich Nitrat im Aquarienwasser an. In gleicher Weise geschieht
das mit Phosphat! Die gelben bis braunen Verfärbungen des
(Alt-)Wassers rühren von wasserlöslichen natürlichen
Huminstoffen her, die sich aus Mulm und Schlamm bilden, ähnlich
wie beim Schwarzwasser.
Ob sich Härtebildner wie Calzium und Magnesium anreichern
oder nicht, hängt u. a. von der Zunahme der Ionentauschkapazität
des Schlammes ab und vom vorhandenen pH-Wert. Sucht sich der pH
einen Wert um 7 aus, dann ist die Kapazität des Schlammes
groß. Siehe dazu Abs. 8
Liegt der pH bei 6, dann ist die Kapazität des Schlammes
für Härtebildner geringer.
Verfolgt man den Verlauf des Leitwerts, so ist meistens in den
ersten Monaten eine leichte Zunahme zu beobachten, die von einer
Reihe von Ionen herrührt, die bei der Mineralisation des
Fischfutters freigesetzt werden. Das sind z. B. Nitrat, Phosphat,
Calcium, Magnesium, Natrium, Kalium, Chlorid, Sulfat, Hydrogenkarbonat,
eine Reihe von Spurenelementen usw.. Das Wasser salzt sich also
auf!
Schadstoffe im eigentlichen Sinne sind nur die fischtoxischen
wie Ammonium und Nitrit, die aber nur beim Einfahren eines Beckens
oder nach brutaler Störung der Bakterienpopulation auftreten,
sonst an der Nachweisgrenze liegen. Die anderen Endprodukte der
Mineralisation sind keine Schadstoffe, sondern Pflanzennährstoffe,
die von wüchsigen Pflanzen mehr oder weniger verbraucht werden!
Fischurin oder Kot werden durch die Selbstreinigung eines sinnvoll
betriebenen Beckens mineralisiert oder als Vorstufen in Mulm oder
Schlamm eingebracht und dort durch aufsiedelnde Bakterien weiter
zerlegt.
Es können sich also Mineralstoffe ansammeln, die zwar nicht
schädlich sind, die aber möglicherweise zu Änderungen
der Wasserzusammensetzung (Ionenverhältnis) führen!
Wenn Fische mit mineralischen Nährstoffen nicht optimal über
das Futter ernährt werden, holen sie sich die fehlenden Mineralstoffe
durch spezielle Organe aus dem umgebenden Wasser. Besonders bei
Weichwasser vermutet man, daß starke Abweichungen der Wasserzusammensetzung
für die nicht optimal ernährten Fische problematisch
werden können!
Mineralstoff-Entsorgung im
Altwasser |
Die beiden Schreckgespenste des modernen Aquarianers
sind wohl Nitrat über 20 mg/l und Phosphat über 0,5
mg/l. Sie bedeuten eine Überdüngung des Wassers mit
den beiden Stoffen, die in der Natur häufig im Minimum sind,
und im Aquarium im Verdacht stehen, für Algenplagen verantwortlich
zu sein. Disziplin bei Besetzung und Fütterung sowie gute
Bedingungen für üppiges Pflanzenwachstum können
diese Probleme lösen! Intensive Wasserwechsel können
die Stoffe zwar reduzieren, aber das Problem ihrer Entstehung
nicht lösen. Wasserwechsel ist hier Kurieren am Symptom!
Was geschieht eigentlich mit den Überschüssen
dieser Stoffe im Altwasser? Sammeln sie sich grenzenlos an? Das
tun sie aus ganz verschiedenen Gründen nicht! Macht man regelmäßig
Messungen, so fällt auf, daß vor allem die Hauptkomponenten
nach einigen Wochen bereits stagnieren, statt weiter zuzunehmen!
Z. B. wurde an einem Becken zunächst die Nitratzunahme ermittelt
bei einem 50%igen Wasserwechsel alle 3 Tage. Sie betrug 3 mg NO3/l
und Tag. Dann wurde der Wasserwechsel eingestellt. Das Nitrat
stieg auf rund 30 mg NO3/l und blieb dann konstant!
D. h., es verschwanden 3 mg NO3/l und Tag! Dieses Phänomen
stellte ich auch in anderen Altwasserbecken fest! Der Wert streute
allerdings von Becken zu Becken, und zwar zwischen 10 und 80 mg
NO3/l, aber war bei jedem Becken im wesentlichen konstant! Für
den üblichen einmal wöchentlichen 20%igen Wasserwechsel
würde sich rechnerisch aus dem Input von 3 mg NO3/l und Tag
und ohne das geheimnisvolle Verschwinden der gleichen Menge ein
Nitratgleichgewicht bei 105 mg NO3/l vorm jeweiligen Wasserwechsel
einstellen. Dabei wird angenommen, daß das entsorgte Wasser
die Nitratmenge enthält, die während des Zyklus zwischen
2 Wasserwechseln gebildet wird.
Eine Bilanzierung des Nitrats gelingt also nicht!
Die erwartete Akkumulation bleibt aus. Ein beträchtlicher
Teil des Nitrats verschwindet! Erklärbar wird das nur durch
eine Nitratatmung spezieller Bakterienarten neben dem Stickstoffverbrauch
der Pflanzen (simultane Nitratatmung). So kommt es nur in schlammarmen
Becken zu hohen Nitratgehalten, ansonsten bleibt die Akkumulation
bei moderaten Werten stehen. In den Fällen, in denen Phosphat
angereichert wird, findet man selten mehr als 5 mg PO4/l, meistens
nur wenige mg/l. Auch hier der Hinweis, daß Phosphat kein
Schadstoff für Fische ist, möglicherweise aber für
Pflanzen ein Hemmstoff!
Der Grund für das Stagnieren der Phosphatkonzentration liegt
wohl an der Ausfällung als Calciumhydrogenphosphat, das dann
in schwer lösliches tri-Calciumdiphosphat übergeht.
Das Phosphat verschwindet zwar nicht aus dem Aquarium, aber aus
dem Wasser! Es sammelt sich im Filterschlamm. Ein Teil wird auch
durch Pflanzen aufgenommen und verwertet. Macht man einen kräftigen
Wasserwechsel, so kann man eine Rücklösung des Phosphats
beobachten!
GH und LF steigen nur in den ersten Wochen. Dann wird der Kurvenverlauf
immer flacher. Ein Faktor wurde schon genannt, das ist die Calciumausfällung
als Phosphat. Ein weiterer Faktor ist die Calciumadsorption an
Huminstoffe im Schlamm, wobei außer der GH auch die KH sinkt.
Bei der Calciumadsorption an Huminstoffen werden H-Ionen frei,
die ihrerseits mit Hydrogenkarbonationen zu Kohlendioxid und Wasser
reagieren, d. h. die KH reduzieren.
Die KH wird einmal indirekt durch die Calciumadsorption des Schlammes
reduziert (siehe letzten Absatz!). Dann kann eine starke Nitrifikation,
wobei vorübergehend Salpetersäure entsteht, die KH reduzieren,
während die Nitratassimilation der Aquarienpflanzen, das
Ausatmen von NH3 durch die Fische, die simultane Nitratatmung
durch Bakterien die KH erhöht. Die verschiedenen Einflüsse
überlagern sich, und es resultiert meistens ein niedriger
stabiler KH-Wert. In einem Altwasserbecken wurde noch nie ein
Säuresturz beobachtet!
Ein beachtlicher Teil der Haupt- und Mikronährstoffe
wird von den Pflanzen verbraucht oder eingelagert, sodaß
insgesamt ein Entsalzungeffekt entsteht. Das Ernten der Pflanzen
führt zu einer echten Entsorgung von Nährstoffen aus
dem Aquarienwasser und zu einer drastischen Verlangsamung der
Versalzung. Einige Stoffe bleiben sozusagen übrig. Das sind
Natrium, Chlorid, Sulfat teilweise. Sie machen dann einen Teil
der LF-Zunahme des Altwassers aus.
Altwasser oder alter Schlamm |
Die aufgeführten Selbstreinigungseffekte
lassen sich teilweise mit der Aufnahme von Mineralstoffen durch
die Pflanzen verknüpfen, teilweise mit der Adsorption von
Mineralstoffen durch Mulm oder Schlamm. Insofern handelt es sich
nicht um ein Phänomen, das man dem Wasser zuordnen könnte,
denn nennenswerter Stoffwechsel findet im Wasserraum nicht statt,
ist auch nicht erwünscht, sondern an der Pflanze oder am
mehr oder weniger durchströmten Schlamm.
Damit ist nun eigentlich
der Mythos Altwasser entzaubert! Oder ist er das nicht?
Das Wasser ist ein bloßes Transport- und
Mineralstoffsammelmedium, nicht mehr und nicht weniger. Die wesentliche
Rolle beim Stoffwechsel des "Altwasserbeckens" spielt
neben den Pflanzen der reife oder alte Schlamm und/oder Mulm.
Das Alter ist insofern wichtig, als daß doch ein gewisses
Volumen für die Wasserreinigungsvorgänge gebraucht wird,
sowie ein gewisser Reifegrad der Bakterienpopulation erreicht
sein muß. Also einige Monate braucht es schon, und es müssen
Mulm und Schlamm in Ruhe gelassen werden!
Frischwasser und alter Schlamm |
Da das Altwasser beim Altwasserbecken eine untergeordnete
Rolle spielt, kann man es selbstverständlich von Zeit zu
Zeit durch Frischwasser ersetzen, ohne die Selbstreinigungsleistung
des alten Schlammes in Frage zu stellen. Die Altwasserfreunde
wären damit zufrieden, denn das bisschen Wasserwechsel stört
sie wohl nicht, und die Frischwasserfreunde hätten, so oft
sie wollten, frisches Wasser, ohne auf den besonderen Komfort
eines Altwassers verzichten zu müssen.
Die Adsorption von Calcium-Ionen
durch Filterschlamm |
Dazu isolierte ich 0,5 l Schlamm aus einem Mattenfilter,
spülte ihn mehrfach mit Leitungswasser und ließ in
1 l Leitungswasserstehen. Es kam dann innerhalb von 2 Tagen eine
KH-Absenkung von 3,5°dKH auf 0,7°dKH.
Anschließend wurde der Schlamm per HCl auf pH 4 angesäuert.
Es wurden anschließend 25°GH Gesamthärte gemessen,
die zum größten Teil aus Calcium besteht.
Verteilung der Bakterienpopulation
im Aquarium |
Die Bakterienpopulation ist ungleichmäßig
im Aquarium verteilt. Beim Vorhandensein eines durchströmten
Mattenfilters ist der größte Anteil im Filter sowie
im Mulm. Bedeutende Anteile besiedeln Pflanzen und Bodengrund.
Nur ein kleiner Bruchteil besiedelt das freie Wasser. Im Falle
einer großen und reifen Bakterienpopulation ist der Anteil
im freien Wasser besonders gering. Wird der Schlamm dagegen gestört,
aufgerührt, reduziert, so erhöht sich der Anteil im
freien Wasser.
Das Anfahren eines Altwasserbeckens |
Im Startstadium ist ein Alt- nicht von einem
Frischwasserbecken unterscheidbar. Es gibt keine speziellen Prozeduren.
Die Akkumulation spielt noch keine Rolle. Der Nitritpeak kommt
bei unzureichender Beimpfung genauso wie in anderen Becken. Erst
nach einigen Monaten unterscheiden sich die Zusammensetzungen
deutlich voneinander. Erst dann kann man eigentlich von einem
Altwasser sprechen.
Übrigens lassen sich beide Aquarientypen
nicht strikt unterscheiden. Ein Becken mit z. B. 20% Wasserwechsel
pro Woche bekommt nach einigen Wochen eine typische Altwasser-Zusammensetzung,
wie schon am Nitratwert erläutert!
Das Geheimnis des Altwassers hat also mit Altwasser
nichts zu tun. Das alte Wasser hat lediglich eine marginale Bedeutung
als Sammelmedium für Mineralisationsprodukte. Die wichtigsten
Funktionen des eingefahrenen Beckens liegen im Mulm und Schlamm,
nicht im Wasser. Insofern ist der Wasserwechsel weniger wichtig
als zuvor geglaubt.
Hier
findet ihr das Forum um über das Thema zu diskutieren.
Details zu meinem Aquarium wie die
Entwicklung der Wasserwerte und Bilder findet ihr über
das Site-Menü.
Fragen könnt ihr gerne in meinem
Altwasser-Forum
stellen. Natürlich freue ich mich auch über einen
Eintrag in mein Gästebuch.
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